The Euro – a stabilizer and a challenger
For publication in: The Asahi Shimbun GLOBE; Januar 2009

In einem Gastbeitrag für die japanische Zeitung The Asahi Shimbun GLOBE erläutert Professor Tietmeyer die Bedeutung des Euros im globalen System der Währungen und seine stabilisierende Wirkung innerhalb des Euroraumes.

Zur Jahreswende 2008/9 wurde in Europa der zehnte Geburtstag des Euro gefeiert, der heute bereits in 16 EU-Mitgliedsländern als gemeinsame Währung gilt und dort die früheren nationalen Währungen ersetzt hat. Aus diesem Anlass wurde zu recht auch die bisherige Stabilität dieser relativ jungen Währung, ihre weltweit wachsende Rolle sowie die bisherige Tätigkeit der EZB als supranationale und zugleich politisch unabhängige Zentralbank öffentlich gewürdigt.

Der Übergang zum Euro hat die Teilnehmerländer zweifellos wirtschaftlich und politisch enger als zuvor zusammengebunden und damit sowohl die internen als auch die externen Marktchancen verbessert. Nach einer anfänglichen Wachstumsschwäche in einigen Ländern hat sich diese Verbesserung dann auch in den verbesserten Wachstumsraten der Gesamtwirtschaft des Euro-Gebietes bis Ende 2007 niedergeschlagen. Zugleich hat der Euro aber auch den Wettbewerb im Eauro-Gebiet selbst verstärkt und damit neben neuen Wachstumschancen auch neue Konfliktmöglichkeiten zwischen den Teilnehmerländern eröffnet. Während einige Mitgliedsländer vor allem im Bereich der öffentlichen Finanzen, der Arbeitsmarktvorschriften sowie der Lohnpolitik in den letzten Jahren bereits gewichtige Reformen eingeleitet haben, scheinen andere Länder noch zu zögern. Das zeigt sich auch in den divergierenden Kostenentwicklungen dieser Länder. Es ist zu hoffen und zu wünschen, dass die Verantwortungsträger in den betroffenen Ländern das sich hier aufbauende Konfliktpotential auch bei der jetzt vorrangigen makroökonomischen Krisenbekämpfung nicht unterschätzen. Denn nur durch mehr Flexibilität an den Arbeitsmärkten und mehr zukunftsorientierte Investitionen kann auf Dauer auch mehr Beschäftigung entstehen. Kurzfristige Nachfragestimulierungen allein können kein nachhaltiges Wachstum fördern.

Der Euro selbst hat sich in der derzeitigen weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise bisher für den europäischen Kontinent jedoch zweifellos als Stabilisator erwiesen. Ohne den Euro wäre es mit hoher Wahrscheinlichkeit gerade im letzten Jahr zwischen den Euro-Ländern noch zu stärker divergierenden nationalen Politiken und zu erheblichen Wechselkursunruhen gekommen, wie das ja auch in den vorhergehenden Dekaden gerade in Europa leider oft der Fall war. Auch die in letzter Zeit wieder größer gewordenen Spreads zwischen den öffentlichen Anleihen der Mitgliedsstaaten sind noch kein bedrohliches Signal für neue und größere Spannungen.

Wohl hat die inzwischen weltweite Finanzkrise im vergangenen Jahr schon früh auch das Euro-Gebiet erreicht. Ihre primären Ursachen liegen jedoch überwiegend nicht in den Ländern des europäischen Kontinents, wenngleich auch viele europäische Finanzinstitute an hybriden Produktgestaltungen sowie an mangelnden internen und externen Risikokontrollen beteiligt waren. Der progressive Prozess der Internationalisierung und Globalisierung der Finanzmärkte hat natürlich auch den Euro-Bereich in so manche hypertrophe Entwicklung einbezogen. Die treibenden Kräfte für die Fehlentwicklungen an den Finanzmärkten kamen aber im letzten Jahrzehnt vor allem aus dem angelsächsischen Raum. Neben der häufigen Blockade und Abwehr von Bemühungen um verstärkte internationale Regulierungsanforderungen und Aufsichtskooperationen spielte nicht zuletzt auch die lange Zeit sehr expansive amerikanische Geldpolitik eine problematische Rolle. Hinzu kamen die durch verzerrte Wechselkurse insbesondere zwischen dem Dollar und einigen großen asiatischen Ländern forcierten gewaltigen Außenbilanzungleichgewichte und Devisenanhäufungen. Sie ermöglichten nicht nur mehrere Jahre hindurch in den beteiligten Ländern artifiziell überhöhte Wachstumsraten; sie lösten auch weltweit eine starke Liquiditätsexpansion aus. Die Fehlentwicklungen an vielen Finanzmärkten wurden dabei gleichzeitig auch durch die prozyklischen Effekte der weltweit sich ausbreitenden Anwendung der markt-to markets accounting rules erleichtert und gefördert.

Als dieses artifizielle Kartenhaus überhöhter Preise und immer weniger übersehbarer Kreditrisiken dann – ausgelöst durch die Subprime-Krise in den USA - im Jahre 2007 zusammenzustürzen begann, wurde davon allerdings bald auch das Finanz- und Bankensystem im Euro-Gebiet betroffen. Nahezu gleichzeitig mit der Entwicklung im Dollarbereich kam es auch in Europa zunächst zu einer Vertrauenskrise an den Geldmärkten. In Absprache mit anderen Zentralbanken hat die EZB den Banken zwar schon früh und großzügig zusätzliche Liquidität bereitgestellt und – wenn auch zurecht zögerlicher als die US-Fed – die Zinsen gesenkt. Die Eskalation der Finanzkrise in 2008 hat sie jedoch ebenso wenig aufhalten können wie die anderen Zentralbanken. Und als die US-Politik im September 2008 darauf verzichtete, den Lehman Brothers Kollaps zu verhindern, mussten auch die Mitgliedsstaaten der EU staatliche Rettungsschirme für system-relevante Finanzinstitute aufspannen, um einen nicht vertretbaren Kollaps des Banken- und Finanzsystems zu verhindern. Diese Rettungsschirme basieren zwar zurecht primär auf nationalen Entscheidungen und Ressourcen, ihre Struktur und Arbeitsweisen sind jedoch auf europäischer Ebene weitgehend abgestimmt.

Neben den Rettungsschirmen für die notwendige Konsolidierung des weltweit operierenden Finanzsystems sind demnächst jedoch auch verstärkte Bemühungen zur Etablierung eines effizienten und weltweit wirksamen Regulierungs- und Aufsichtssystem notwendig. Ich hoffe, dass es auf dem für Ende März geplanten G20-Gipfels zu weiterführenden Absprachen kommt. Das auf meinen Vorschlag schon 1999 eingerichtete Financial Stability Forum (FSF) hat hierfür schon viel nützliche Vorarbeit geleistet. In verstärkter Zusammenarbeit mit dem IMF könnte es auch weiterhin bei der Weiterentwicklung und Konkretisierung der Aufsichtsregeln wichtige Arbeit leisten. Dazu müsste aber auch der IMF in seiner Struktur und Arbeitsweise den neuen Anforderungen besser angepasst werden. Ein globales governance-System kann auf Dauer nicht funktionieren, wenn nationale Vetos Entscheidungen blockieren können.
Von einem neuen weltweiten Fixkurs-System a la Bretton-Woods möchte ich jedoch – gerade auch nach den erneuten Erfahrungen in Asien – dringend abraten. Für das ordnungsgemäße Funktionieren des künftigen weltweiten wirtschaftlichen und finanziellen Miteinanders ist es unerlässlich, dass vor allem zwischen den großen Währungen in Zukunft ein hinreichendes Maß an Wechselkursflexibilität gesichert wird. Nur so können gefährliche weltweite Ungleichgewichte und Verzerrungen mit Blasenpotential verhindert werden, wie nicht nur die jüngsten Erfahrungen gezeigt haben. Welche der großen Währungen dann auf Dauer die Rolle der größten Währung übernimmt, sollte den Märkten überlassen bleiben. Vieles spricht dafür, dass der Euro auch in Zukunft neben dem Dollar und dem Remimbi eine wichtige Rolle auf den internationalen Märkten spielen wird. Das mag grundsätzlich auch für den Yen und das britische Pfund gelten.

Ob es darüber hinaus künftig neben dem Euro auch zu anderen Regionalwährungen mit weltweiter Bedeutung kommt, ist nur schwer voraussagbar. Die dafür notwendige Aufgabe nationaler Kompetenzen sowie die nachhaltige Übertragung der monetären Verantwortung auf die Gemeinschaftsebene sollte jedoch nicht unterschätzt werden. Eine transnationale Währung kann auf Dauer nur bei einer hinreichenden Konvergenz der nationalen Politiken sowie einer dauerhaft gemeinsamen monetären Politik mit supranationaler Entscheidungsbasis funktionieren. Die bisher in Europa gemachten Erfahrungen sind dafür ein neuer Beweis.