Päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften - Entstehung und aktuelle Aufgaben
Ein neuer institutioneller Ansatz der Katholischen Soziallehre

Ein Aufsatz über die Entstehung, die Themen und die Arbeit der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften

Von Professor Dr. Hans Zacher


Ihr Ursprung reicht zurück in die frühe Neuzeit, als die reiche Zahl meist kleinerer gelehrter Gesellschaften, die sich oft „Akademien“ nannten, in der Gründung der berühmten Institutionen gipfelte, die zu den Mustern der Wissenschaftsakademien zunächst für Europa, dann für die moderne Welt überhaupt wurden. Im Lauf der Zeit wurden der Päpstlichen Akademie der Schönen Künste und der Literatur und der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften zahlreiche und – nach Gegenstand, Struktur und Arbeitsweise – sehr unterschiedliche Erinnerungstafel von Papst Johannes Paul II. zur Audienz für Hans Tietmeyer im Jahr 1997weitere päpstliche Akademien an die Seite gestellt. Zu dem so reichen Wirken Papst Johannes Pauls II. gehörte, dass er auch den Akademien seine Aufmerksamkeit und seine Tatkraft widmete und diese neu ordnete. Darüber gründete er 1994 zwei weitere: Die Päpstliche Akademie für Sozialwissenschaften beruht auf dem Motu proprio „Socialium scientiarum“ vom 1. Januar 1994, die Päpstliche Akademie für das Leben auf dem Motu proprio „Vitae mysterium“ vom 11. Februar 1994.

Katholische Soziallehre: der Ort der Sozialwissenschaften

Die Päpstliche Akademie für Sozialwissenschaften ist aus den Erfahrungen hervorgegangen, die von allen denen gemacht wurden und werden, die sich mit der Entwicklung der Katholischen Soziallehre befassen. Diese Entwicklung der Katholischen Soziallehre ist wesentlich eine Konkretisierung der Botschaft des Evangeliums darüber, wie der Mensch mit dem Menschen umgehen soll. Gerade das aber ist ein überaus komplexer Vorgang. Diese Komplexität ergibt sich schon daraus, dass es zwei Quellen sind, aus denen die Inhalte der Katholischen Soziallehre abgeleitet werden: aus dem Evangelium und aus der „Natur der Sache“, um die es geht – oder, wie es das Zweite Vatikanische Konzil
ausgedrückt hat, aus der „Autonomie der irdischen Wirklichkeiten“ (GS 36). Beide Erkenntnisprozesse sind in sich selbst wiederum von jeweils der größten Vielfalt gekennzeichnet.

Wo immer jedenfalls Katholische Soziallehre entstehen oder verwirklicht werden soll, müssen sich die Erkenntnis des Evangeliums und die Erkenntnis der Wirklichkeit ergänzen. Sonst bleibt es entweder bei der Predigt der Botschaft, ohne dass die Konsequenzen gültig an den Wirklichkeiten gemessen würden, oder bei einem „irdischen“ Umgang mit der Sache, der nicht vom Evangelium angeleitet ist. Was immer die Träger des Lehramts oder auch die Laien tun, um Katholische Soziallehre zu formulieren oder zu verwirklichen: Sie tragen Verantwortung für die Sache und für das Evangelium. Aus all diesen Zusammenhängen ergibt sich, wie problematisch es ist, von der Katholischen Soziallehre zu reden – wie leicht das, was die einen sagen, andere enttäuscht, wie leicht vor allem, was gestern gesagt wurde, morgen schwer zu verstehen ist.

Die skizzierte Komplexität der Katholischen Soziallehre findet in zwei Konstellationen besonders bedeutsamen Ausdruck: im Ort der Wissenschaft innerhalb der Katholischen Soziallehre und im Verhältnis zwischen dem päpstlichen Lehramt zur Gesamtheit der Katholischen Soziallehre. Die Wissenschaft ist notwendig, um die Erkenntnis der beiden Quellen zu ergänzen, von denen her die Soziallehre entwickelt wird: die Erkenntnis des Evangeliums und die Erkenntnis der Wirklichkeiten. Den ersteren Dienst leistet die theologische Wissenschaft. In den letzteren Dienst teilen sich alle nicht theologischen Wissenschaften¸ denn die „Natur der Sache“ zu erforschen kann die unterschiedlichsten natur-, geistes- und humanwissenschaftlichen Kompetenzen erfordern.

Dass die Sozialwissenschaften eine besondere Aufgabe haben, ist offensichtlich. Doch sie hat nichts Ausschließliches. Der Überschneidungsbereich, in dem die Theologie einerseits und die nichttheologischen Wissenschaften andererseits zur Erforschung des jeweils anderen Quellbereiches der Katholischen Soziallehre mit beitragen, ist tief. Das Evangelium ist eine Botschaft an die Menschen. Das Evangelium zu erschließen, setzt daher auch voraus, den Menschen zu kennen und zu verstehen. Zudem: Die Offenbarung wurde durch Menschen vermittelt. Die Wahrnehmung, das Verständnis und die Bewertung dessen, was von Menschen als Offenbarung wurde, bedarf deshalb auch der Hilfe der nichttheologischen Wissenschaften.

Auf der anderen Seite bereitet die Erkenntnis der Wirklichkeiten die richtige Wahrnehmung der Botschaft des Evangeliums wesentlich vor. Dass und wie der Mensch sich und die Welt, in der er lebt, kennt und versteht,
ist eine wesentliche und bestimmende Voraussetzung dafür, dass er die Botschaft der Offenbarung versteht. Das reicht vom Versuch der Philosophie, die Welt und den Menschen zu erklären, bis zur physikalischen Erforschung des Weltalls oder zur Entschlüsselung der mikrobiologischen Geheimnisse des Lebens.

Angesichts der Vielgestaltigkeit wechselseitiger Ergänzung und Durchdringung der Wissenschaften, die Päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften zur Entwicklung und Entfaltung der Katholischen Soziallehre beitragen können, wird die Frage, ob und auf welche Weise es denn eine Wissenschaft von der Katholischen Soziallehre geben kann, immer banger. Ist ein solches Maß von Interdisziplinarität denkbar? Ist es als Vollzug von Wissenschaft denkbar?

Am Ende steht die Einsicht: Die Entwicklung und Entfaltung der Katholischen Soziallehre ist eine a priori transwissenschaftliche Leistung. Zu dieser Leistung kann der wissenschaftlich Geschulte nach Maßgabe seiner Erfahrung wesentlich beitragen – mag sein wissenschaftlicher Ausgangspunkt nun die Theologie sein, oder in einer der Sozialwissenschaften oder auch in einer anderen nichttheologischen Wissenschaft liegen. Aber die Entwicklung und Entfaltung der Katholischen Soziallehre kann sich nicht allein aus der Anwendung wissenschaftlicher Kenntnisse und Methoden ergeben. Das heißt freilich nicht, daß der Beitrag der einzelnen Disziplinen entbehrlich wäre. Das heißt auch nicht, daß die Anstrengung maximaler Interdisziplinarität entbehrlich wäre. Im Gegenteil: Die transwissenschaftliche Leistung der Katholischen Soziallehre setzt das umfassende wissenschaftliche Bemühen um eine Annäherung an die Wahrheit voraus. In diesem Bemühen haben die Sozialwissenschaften einen zentralen Platz.

Auf diese Weise ist die Entwicklung der Katholischen Soziallehre an sich ein offener, amorpher Prozess, der zu Perspektiven, Prinzipien, Vorschlägen, Entwürfen führen kann, nicht per se aber verbindliche Normen hervorbringt. Umso „natürlicher“ erscheint der Anspruch der zentripetalen Gesetzmäßigkeiten der katholischen Kirche, den Weg zur klärenden normativen Formulierung der Erträge zu weisen. Mit anderen Worten: Das Aufwachsen jenes offenen, amorphen Prozesses zur normativen Aussage steht in der besonderen Verantwortung des Lehramtes – letztlich des päpstlichen Lehramtes. Von „Rerum novarum“ Leos XIII. (1891) bis zu „Centesimus annus“ Johannes Pauls II. (1991) überstrahlen die großen päpstlichen Sozialenzykliken alle anderen Manifestationen.

Nur das Zweite Vatikanische Konzil (Gaudium et spes, 1965) hatte eine vergleichbare Wirkung. Zwar haben viele Bischöfe und vor allem auch nationale und regionale Bischofskonferenzen eigene Sozialbotschaften formuliert. Aber das vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden veranstaltete „Compendium of the Social Doctrine of the Church“ (2004) gedenkt ihrer nicht. Dass daneben weder wissenschaftliche Autoren des gleichen Zeitraums noch andere als vatikanische Dokumente zur Geltung kommen, erscheint danach zwar nicht als richtig, wohl aber als konsequent. Wird so der trans-wissenschaftliche Charakter der Integration Katholischer Soziallehre deutlich, so blieb das trans-wissenschaftliche Zustandekommen dieser päpstlichen oder vatikanischen Verlautbarungen eher verborgen.

Gleichwohl beruhten sie weitgehend auf wissenschaftlichen Vorarbeiten, waren Berater, Entwerfer und andere Vor-Arbeiter am Werk, die wissenschaftliche Kompetenz teils selbst verkörperten, teils jedenfalls vermittelten.
Daraus ergab sich die Nachfrage, daneben einen Prozess offener und systematischer Begleitung durch die Wissenschaft zu etablieren. Und diese Nachfrage konzentrierte sich auf die Sozialwissenschaften. Andere Wissenschaften (wie vor allem die Naturwissenschaften) sind im Konzert der päpstlichen Akademien bereits vertreten. Andere Wissenschaften sind für die Fortbildung der Katholischen Soziallehre zum Teil nicht von gleichem Interesse. Wieder andere Wissenschaften lassen sich nicht mit gleicher Berechtigung in einer eigenen Akademie bündeln. So kam es ein gutes Jahrhundert nach der ersten päpstlichen Sozialenzyklika zu einer Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften.

Verfassung der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften

(...)

Zugleich mit dem Motu proprio erließ Papst Johannes Paul II. die Statuten der Akademie. Sie beschreiben den Auftrag der Akademie, „das Studium und den Fortschritt der Sozial-, Wirtschafts-, Politik- und Rechtswissenschaften zu fördern“. In der – gegenüber der ursprünglichen Fassung differenzierteren – Fassung der Statuten von 1998 heißt es weiter: „Im Wege eines angemessenen Dialogs bietet die Akademie der Kirche Elemente an, welche ihr bei der Entwicklung ihrer Soziallehre von Nutzen sind.“ Darüber hinaus soll die Akademie „die Anwendung der Soziallehre in der zeitgenössischen Gesellschaft reflektieren.

Die Akademie ist autonom. Sie pflegt eine enge Beziehung mit dem Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden.“ Die Akademie soll wenigstens 20 und höchstens 40 Mitglieder haben. Sie hat einen Präsidenten, der vom Papst auf jeweils fünf Jahre ernannt wird. Eine Wiederernennung ist zulässig.

Gründungspräsident war der französische Wirtschaftswissenschaftler Edmond Malinvaud. Seit 2004 ist US-amerikanische Juristin Mary Ann Glendon Präsidentin. Die laufenden Geschäfte führt der Kanzler vom Papst auf unbestimmte Zeit ernannt wird. De facto haben die Akademie der Wissenschaften und die Akademie für Sozialwissenschaften einen gemeinsamen Kanzler (seit 1998 Bischof Marcelo Sánchez Sorondo) und eine gemeinsame Geschäftsstelle.

Beide Akademien benutzen auch das gleiche Gebäude: die Casina Pio IV in den Vatikanischen Gärten. Der Präsident wird unterstützt und beraten von einem Rat, dem der Präsident, der Kanzler, ein Delegierter (effektiv: der Sekretär) des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, der Präsident der Stiftung zur Förderung der Sozialwissenschaften sowie sechs (weitere) Mitglieder der Akademie angehören. Die Mitglieder der Akademie werden vom Papst auf zehn Jahre ernannt.

Die Akademie hat das Recht, Vorschlagslisten vorzulegen. Eine wesentliche Schwierigkeit liegt darin, die Sitze angemessen auf die verschiedenen Disziplinen und Weltregionen zu verteilen. Aus dem deutschen Sprachraum gehören der Akademie gegenwärtig folgende Mitglieder an: Paul Kirchhof (Heidelberg), Herbert Schambeck (Linz/Wien), Johannes Schasching SJ (Wien), Hans Tietmeyer (Frankfurt) und Hans F. Zacher (München/Pöcking). Reichlichen Gebrauch macht die Akademie von der Möglichkeit, Experten, die ihr nicht als Mitglieder angehören, an einzelnen Veranstaltungen zu beteiligen.

Als zentrale Arbeitsinstrumente der Akademie nennt die Satzung Kongresse und Studientage sowie die Veröffentlichung der Verhandlungen. Dem entsprechen vor allem die jährlichen, etwa einwöchigen Plenartagungen. Dazu kommen kleinere Arbeitstagungen, unter anderem auch gemeinsam mit anderen Institutionen (z. B. mit Arbeitsgruppen der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften) und an Orten außerhalb des Vatikans. Die wesentlichen Arbeiten der Akademie vollzogen sich in Projekten, die in einer Sequenz von Workshops (oder ähnlichen kleineren Veranstaltungen) und Plenartagungen realisiert werden. Ein besonderes Problem blieb für die Akademie die Gestalt der „Elemente“, die sie – wie oben aus der Satzung zitiert – aus den Möglichkeiten der Sozialwissenschaften schöpfend „der Kirche“ so anbieten soll, dass sie ihr helfen, die Katholische Soziallehre weiter zu entwickeln. Akademien drücken gemeinhin ihre Versuche, sich durch neue Erkenntnisse der Wahrheit zu nähern, nicht in Mehrheitsbeschlüssen aus. Sie regen vielmehr zum Vortrag von Berichten an, nehmen diese zur Kenntnis und diskutieren sie. Und ihre Veröffentlichungen unterrichten über den so erreichten Stand der Erkenntnis.

In welcher Weise sollte die Päpstliche Akademie für Sozialwissenschaften darüber hinaus zu verwertbaren „Elementen“ voranschreiten können? Die Akademie befindet sich insofern noch in einem Stadium der Experimente. Die beiden bisher verwirklichten Beispiele werden unten zu erörtern sein. Freilich hat, ohne dass die Satzung das vorgesehen hätte, der Dialog zwischen „der Kirche“ und der Akademie unter Papst Johannes Paul II. noch einen anderen Weg genommen. Der Papst hat die Akademie, so oft sie sich zu einer Plenartagung traf, zu einer Audienz eingeladen. Dabei hat er jeweils zu den Themen der Akademie Stellung genommen und einen Bericht des Präsidenten, zuletzt der Präsidentin gehört. Das war – abgesehen von kurzen Gesprächen des Heiligen Vaters mit einzelnen Mitgliedern der Akademie – gewiss keine Diskussion. Gleichwohl: Die Äußerungen des Papstes waren durchaus substantiell.

Die Satzung eröffnet der Akademie auch weitere Arbeitsmöglichkeiten: die Förderung „fremder“ Forschungen und die Veröffentlichung „fremder“ Forschungen. Für die Verwirklichung fehlen der Akademie jedoch die finanziellen Mittel ebenso wie die personellen Kapazitäten. Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen erfolgen in zwei Reihen: Die Plenartagungen werden in den „Acta“, andere Verhandlungen in den „Miscellanea“ veröffentlicht. Informationen über die Akademie und ihre Veröffentlichungen (einschließlich der Möglichkeiten ihres Bezugs) finden sich im Jahrbuch (zuletzt: Pontificia Academia Scientiarum Socialium: Yearbook. Third Edition, 2004) und im Internet.

Die bisherigen Schwerpunkte der Arbeit

1. Die Zukunft der Arbeit


Das erste große Projekt, das die Akademie sogleich nach ihrer Gründung anging, war „Die Zukunft der Arbeit“.
Dabei zeigten sich die Schwierigkeiten, die „Wirklichkeiten“ so zu analysieren, dass die gewonnenen Erkenntnisse mit der Botschaft des Evangeliums in eine fruchtbare, hilfreiche Verbindung gebracht werden können, auf geradezu dramatische Weise. Die Arbeitswelt hat sich seit den 90er Jahren weltweit so rasch und radikal verändert, dass die Bestandsaufnahme den Entwicklungen kaum noch zu folgen vermochte. Vordergründig sinnfällig wurde das in der Entwicklung der „Überschriften“, unter denen die Akademie die Thematik erörterte. Eröffnete die Akademie diese Sequenz ihrer Plenartagungen 1996 noch fragend unter dem Motto „Zukunft der Arbeit und Arbeit der Zukunft“, so griff sie 1997 zu dem gleichermaßen aufrüttelnden und optimistischen Titel „Das Recht auf Arbeit: der Vollbeschäftigung entgegen“, während sie 1999 die Formulierung resignativ umkehrte: „Die Arbeitslosigkeit vermindern!“

Als zentrale Herausforderung erwies sich dabei die Verschränkung zwischen den extremen Unterschieden der Arbeitswelt in den verschiedenen Ländern und Gesellschaften und dem Zusammenfließen ihrer Bedingungen und ihrer Wirkungen in einer globalen Welt. Die Akademie hat diese Herausforderung angenommen. Die Verhandlungen vermitteln ein eindrucksvolles Bild dieser Komplexität. Der ordnende Durchblick freilich musste die Vogelperspektive wahren. Nach drei Plenartagungen stellte sich der Akademie erstmals die Frage, wie sie ihren satzungsgemäßen Auftrag erfüllen soll, „im Wege eines angemessenen Dialogs ... der Kirche Elemente“ anzubieten, „welche ihr bei der Entwicklung ihrer Soziallehre von Nutzen sind.“ Ad experimentum beschritt sie zwei Wege nebeneinander. Auf der einen Seite einen eher konventionellen Weg: indem sie in dem Buch „Work and Human Fulfillment“ (2003) eine Auswahl aus den Verhandlungen der Plenartagungen vorlegte und sich durch weiterführende Beiträge des Präsidenten und einzelner Mitglieder der Integration und Darstellung von Ergebnissen näherte.

Der zweite Weg hingegen war eine elementare Neuerung: der unmittelbare Dialog der im Plenum versammelten Mitglieder der Akademie mit Repräsentanten des kirchlichen Lehramtes. Die Akademie selbst spricht in diesem Zusammenhang von einem „Forum“. Der Bischof von Mainz, Kardinal Karl Lehmann, der Patriarch von Venedig, Angelo Scola, mittlerweile auch Kardinal, und der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, früher Sekretär des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit
und Frieden und als solcher von 1994 bis 2001 Mitglied des Rates der Akademie, waren bereit, dieses Gespräch im Mai 2003 zu führen. Es konzentrierte sich ganz auf den Satz, der gemeinhin als der „Vorrang der Arbeit vor dem Kapital“ zitiert wird (Laborem exercens, 12).

Die Diskussion erbrachte eindringlich die Notwendigkeit eines aktualisierenden Verständnisses. Laborem exercens hatte einen bestimmten historischen Ort. Die humane Wahrheit des Satzes vom Vorrang der Arbeit vor dem Kapital darf nicht in die Fesseln jenes historischen Ortes gelegt werden. Immer wieder wurden die grundlegenden Veränderungen benannt, die sich um die Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert ergeben haben. Gerade von Seiten der Bischöfe wurde von diesem neuen Stand der Dinge her ein weites Netz von Fragen ausgelegt. Die humane Wahrheit, die der Satz vom Vorrang der Arbeit vor dem Kapital meint, erscheint als ein wichtiger Impuls, die Fragen aufzuwerfen. Aber sie ist nicht selbst die Antwort. Für die Wahrnehmung der Probleme, die Formulierung der Fragen und die Suche nach Lösungen aber wird die Dokumentation des „Forums“ (The Meaning of the Priority of Labour, 2004) eine wichtige Quelle bleiben.

2. Die Demokratie

Das zweite große Projekt der Akademie betraf die Demokratie. Wie soll sich die Soziallehre einer Kirche, die auf die Einsicht in das Absolute vertraut, zu der Demokratie verhalten? Wie soll sich die Soziallehre der einen Kirche zu der Vielfalt der Demokratien und jener Herrschaftssysteme verhalten, die sich Demokratien nennen? Die Nachfrage nach diesem Thema kam ebenso aus der Übersättigung der Freiheit wie aus der Erfahrung der Unfreiheit, aus der zynischen Routine alter Demokratien ebenso wie aus den Schwierigkeiten postkolonialer, postkommunistischer und postautoritärer Neuanfänge. Sie kam aber auch aus der Erinnerung an die lange Zeit der Ablehnung der Demokratie durch das Lehramt und aus dem immer neuen Erleben, wie Werte – und gerade auch „katholische“ Werte – in demokratischen Gesellschaften in Frage gestellt werden. Ein Workshop (1996) versuchte zuerst, die unterschiedliche Situation in den verschiedenen Kontinenten aufzunehmen und auszuwerten.

Eine Plenartagung (1998) setzte sodann thematische Akzente: Demokratie und Werte; Zivilgesellschaft, Supranationalität und Internationalität. Eine zweite und letzte Plenartagung (2001) vertiefte die Erörterung hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Demokratie und Werten sowie hinsichtlich der Zivilgesellschaft. Die Akademie unternahm nun ein weiteres Experiment und bat Experten der Wissenschaft von der Katholischen Soziallehre darum, die in der Akademie vorgelegten Arbeiten und deren Diskussion kritisch zu sichten: den Lateinamerikaner Sergio Bernal Restrepo SJ, Michael Novak (Washington DC), Rudolf Weiler, Professor an der Universität Wien. Die Berichte wurden vom Plenum der Akademie mit den Experten diskutiert.

Danach erarbeiteten Mitglieder der Akademie den Entwurf eines Schlussdokuments. Der Entwurf erlangte unter Beteiligung aller Mitglieder der Akademie seine endgültige Fassung. Diese wurde schließlich in einer abschließenden Sitzung des Plenums angenommen. Die Berichte der Experten und deren Diskussion wurden zusammen mit dem Schlussdokument veröffentlicht (Democracy in Debate, 2005). Das Dokument stellt nicht die Frage, ob die Demokratie eine gute oder eine schlechte Staatsform ist. Der entscheidende Ansatz ist: Die Demokratie ist eine Verantwortung. Sie ist eine Chance für das Gemeinwohl und ein Leben der Menschen in Würde, Gleichheit, Freiheit und Sicherheit. Es ist eine moralische Verantwortung, diese Chance zu ergreifen.

Der zweite Grundansatz des Dokuments ist: Die Demokratie ist mit der „katholischen“ Annahme, dass es eine objektive Wahrheit auch über das rechte Leben der Menschen in „dieser Welt“ gibt, vereinbar. Dass es diese objektive Wahrheit gibt, schließt nicht aus, dass die Menschen sie unterschiedlich wahrnehmen, dass sie aus ihr unterschiedliche Folgerungen ziehen, auch nicht dass die Menschen die Existenz einer objektiven Wahrheit leugnen. Entscheidend ist, dass die Menschen gleichwohl eine Ordnung des Zusammenlebens finden und dass diese Ordnung auch jenen Meinungen und Folgerungen Raum gibt, die sich aus einer objektiven Wahrheit herleiten. Das Dokument fordert einen demokratischen Pluralismus als maximale Möglichkeit der sozialen Geltung objektiver Wahrheit und maximaler Entfaltung auch der Menschen, die von der Existenz einer objektiven Wahrheit ausgehen. Zudem werden der demokratische Staat und die Zivilgesellschaft als eine wesentliche Ganzheit begriffen.

Der innovativste Abschnitt behandelt das Verhältnis der Demokratie zu den internationalen und supranationalen Strukturen der globalen Welt. Die Gestaltungsmöglichkeiten der Nationalstaaten schwinden. Eine transnationale Wirklichkeit von größter Vielfalt und Dynamik (von den multinationalen Gesellschaften bis zu den transnationalen Nichtregierungsorganisationen, von den Medien bis zum transnationalen Alltag einer immer größeren Zahl von Familien) hat sich zwischen die Nationalstaaten und die internationalen Institutionen geschoben und breitet sich immer weiter aus. Auch haben sich die Mächte der transnationalen Gesellschaft der Kontrolle der Nationalstaaten und der internationalen Institutionen entzogen; ebenso wie die Zahl und die Nöte der Ohnmächtigen der transnationalen Gesellschaft immer weiter über die Grenzen hinausgewachsen sind und wachsen, die dem Schutz der Nationalstaaten und der internationalen Institutionen gesteckt sind. Die Akademie sieht darin ein wichtiges Anliegen der Katholischen Soziallehre.

3. Globalisierung

Als nächstes Thema stand die Globalisierung an. Ein Workshop (Die sozialen Dimensionen der Globalisierung, 2000) ermittelte einen ersten Diskussionsrahmen. Neben der Vielfalt der Phänomene, welche die Globalisierung ausmachen, der Vielfalt der Werte, Güter und Interessen, die von ihr berührt werden, und der Vielfalt der Maßstäbe, anhand derer ihre Wirkungen bewertet werden können, trat vor allem die Komplementarität von Globalität und Partikularität hervor.

Eine erste Plenartagung näherte sich einer ethischen Beurteilung der Globalisierung (Globalisierung. Ethische und institutionelle Fragen, 2001) neben der ethischen Erörterung: internationale Wirtschaft und Finanzen, Administration, Armut, Entwicklung, Situation und Rolle der Kirche. Ein Colloquium (Globalisierung und Ungleichheiten, 2002) setzte die Untersuchungen fort. Dabei ergänzten sich so unterschiedliche Ansätze wie Armut, Finanzen und Handel, Hilfsmaßnahmen, Religion.

Mit größerer Dichte befasste sich schließlich die zweite Plenartagung mit den politischen Strukturen (Die „Governance“ der Globalisierung, 2003). Fragen des Weltregimes wurden allgemein gestellt und erörtert („Weltregierung“ versus Spezialität internationaler Organisationen; demokratische versus funktionale Legitimation; soziale Integration versus systemische Integration; Subsidiarität und Souveränität). Die Fragen der Weltwirtschaft (insbesondere des Marktes und der Finanzen) wurden im institutionellen Zusammenhang erneut aufgegriffen und vertieft. Die Probleme der Wissensgesellschaft und der Wanderung dagegen wurden in diesem Kontext neu zur Diskussion gestellt. Dazu kamen wiederum ethische Betrachtungen.

(...) Die Akademie ist kein „Globalisierungsgegner“; aber sie sieht viele Probleme. Und sie sieht sich gefordert, zu Lösungen beizutragen.

4. Intergenerationelle Solidarität

Das bisher letzte Projekt gilt dem Thema der intergenerationellen Solidarität.
Zwei Plenartagungen wurden dem Thema bisher gewidmet. Die erste (Intergenerationelle Solidarität, 2002) erschloss allgemeine Zugänge und thematisierte spezielle Beispiele: die intergenerationelle Solidarität innerhalb der Familie (nicht zuletzt die Bedeutung soziokultureller Unterschiede), die Vermittlung und Verfremdung intergenerationeller Solidarität durch den Wohlfahrtsstaat und die Bedeutung des Themas für den Umgang mit der natürlichen Umwelt. Die zweite Plenartagung (Intergenerationale Solidarität, Wohlfahrt und menschliches Verhalten, 2003) vertiefte alle diese Themen differenziert und wesentlich.

Einige Aspekte wurden neu aufgenommen: die demographische Lage und Entwicklung, das Verhältnis zwischen intergenerationeller Gerechtigkeit und politischem und administrativem System. Die Erörterung des Themas soll 2006 auf einem spezifischen Nenner fortgesetzt werden: „Verlust der Jugend? Die ungewisse Lage der Kinder und Jugendlichen in einem globalen Zeitalter. Perspektiven einer neuen intergenerationellen Solidarität.“

5. Das Konzept der menschlichen Person in den Sozialwissenschaften

Die Plenartagung des Jahres 2005, infolge der vatikanischen Ereignisse des Frühjahrs auf den Herbst verdrängt, galt einer gewissen Ortsbestimmung der Akademie: „Das Konzept der menschlichen Person in den Sozialwissenschaften“.
Vielleicht könnte man im Deutschen auch sagen: „Das Menschenbild in den Sozialwissenschaften“. Es ist gut, den Bericht mit diesem Ausblick schließen zu können.