Nur der Wettbewerb sichert den Wohlstand
Aufsatz im Bayernkurier vom 31. Mai 2008 zum 60. Jubiläum der Sozialen Marktwirtschaft

Von Professor Hans Tietmeyer

Ludwig Erhard hat nach dem Zweiten Weltkrieg - gegen zunächst große Widerstände auch im eigenen politischen Lager - in Westdeutschland das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft weitgehend durchgesetzt. Schon am Tag nach der vor allem von amerikanischer Seite verantworteten Währungs­reform schaffte er schlagartig die meisten der bis dahin geltenden Bewirtschaftungen und Preisbindungen ab. Das war eine Entscheidung von historischer Bedeutung, denn nur so konnte auch die Währungsreform letztlich erfolgreich werden.

Schon in den ersten Jahren danach stand das von Erhard verfolgte Konzept der Sozialen Marktwirtschaft jedoch mehrfach auf dem Prüfstand. Nach den ersten Erfolgen verlangsamte sich das Wachstum aber zunächst wieder, während gleich­zeitig die Preise und die Arbeitslosigkeit anstiegen. Erhard musste daher schon früh Initiativen abwehren, die sich gegen die freie Preisbildung und den Wettbewerb wehrten. Doch er blieb hartnäckig. Und das später folgende vielzitierte "Wirtschaftswunder" gab ihm Recht. Vor allem ab 1952 setzte ein sich selbst tragender, dynamischer Aufschwung ein, der auch in den Folgejahren durch außerordentlich starke Wachstumsraten, wachsende Beschäftigung und enorme Exporterfolge gekennzeichnet war. Die durchschnittliche Wachstumsrate lag in den 50er Jahren bei 7,6 Prozent, wobei der Rekordwert mit 11,5 Prozent im Jahr 1955 erreicht wurde.

Nur ein Jahrzehnt nach dem Kriegsende und der weitgehenden Zerstörung wurde die Bundesrepublik zu einer führenden Industrienation. Aus einer Gesellschaft, in der es zunächst elementar an Nahrungsmitteln, Wohnraum und effizienten Arbeitsplätzen mangelte, wurde binnen weniger Jahre eine Konsumgesellschaft, für deren Mitglieder sich das Erhardsche Postulat "Wohlstand für alle" in beeindruckender Weise erfüllte. Den vor allem von der Presse häufig benutzten Begriff "Wirtschaftswunder" lehnte Erhard jedoch zu Recht ab. Denn er wusste, dass dieser Begriff die eigentlichen Ursachen des Aufschwungs - die durch die Marktwirtschaft freigesetzten Kräfte - nur verschleierte. Für ihn stand fest: "Das erfolgversprechendste Mit­­tel zur Erreichung und Sicherung jeden Wohlstandes ist der Wettbewerb. Er allein führt dazu, den wirtschaftlichen Fortschritt allen Menschen, im besonderen in ihrer Funktion als Verbraucher, zugute kommen zu lassen â?¦"

Ein Sozialpoliti­ker im engeren Sinne war Ludwig Erhard sicher nicht, obgleich auch er eine sinnvolle soziale Absicherung gegenüber den großen Lebensrisiken und Hilfe für die wirklich Armen für notwendig hielt. Den "Versorgungsstaat" bezeichnete er jedoch als "modernen Wahn". Für ihn galt: "Das eigentlich Soziale der Sozialen Marktwirtschaft ist, dass die Menschen in einer freiheitlichen Ordnung selbst Wohlstand erarbeiten können. Der Staat darf sie dabei nicht stören." Deswegen müsse auch im sozialen Leben der Nation "ein Höchstmaß an Freiheit, an privater Initiative und Selbstvorsorge gewährleistet" sein.

Von diesem Leitbild Ludwig Erhards hat sich die bundesrepublikanische Wirklichkeit im Laufe der Jahrzehnte leider weit entfernt. So notwendig viele Um- und Ausbauten des Sozialstaates später auch waren und noch immer sind, insgesamt ist allzu oft nur weiter ausgebaut statt umgebaut worden. Das zeigt insbesondere die langfristige Entwicklung der Staatsquote, also des Anteils der Staatsausgaben am Brutto­inlandsprodukt. Sie erhöhte sich von 32,9 Prozent im Jahr 1960 bis zum Jahr 2003 auf 48,5 Prozent. Seither ist sie erfreulicherweise auf 43,9 Prozent in 2007 zurückgegangen, ein Fortschritt, der aber sicher noch nicht genügt. Denn noch immer hat der Versorgungsstaat in der Bundesrepublik eine Dominanz und einen Finanzierungsbedarf, der vielfach private Ini­tiative und das Wachstum der Wirtschaft im Globalisierungswettbewerb lähmt.

Hinzu kommt, dass gerade auch in letzter Zeit aus bestimmten politischen Kreisen immer neue Ansprüche angemeldet werden, die auf weitergehende Belastungen und Reglementierungen abzielen - von der höheren Besteuerung von Vermögen und Erbschaften über die Einführung von Mindestlöhnen, die Menschen am Einstieg in Arbeit hindern, bis hin zu nicht weiter führenden Arbeitsmarktvorschriften und Regulierungen.

Dem Postulat des Sozialen und der sozialen Gerechtigkeit wird bei uns immer noch vor allem eine möglichst gleiche Verteilung des Sozialproduktes zugeordnet. Und dabei wird auch der Begriff der Armut immer weiter ausgedehnt. Der Anspruch der sozialen Gerechtigkeit umfasst aber weit mehr als nur den Aspekt der Verteilungsgerechtigkeit. Zur sozialen Gerechtigkeit gehört zum Beispiel auch die ausgleichende Gerechtigkeit zwischen den Leistungserbringern und den Leistungsempfängern. Und ge­nau hierbei spielen Markt und Wettbewerb eine zentrale Rolle. Deswegen hat Ludwig Erhard auch Recht: Das Soziale in der Sozialen Marktwirtschaft beginnt nicht erst bei der Umverteilung durch den Staat; entscheidend ist vor allem, dass die Wirtschafts- und Sozialordnung genügend Chancen für Eigen­initiative und Selbstvorsorge im Wettbewerb bietet. Nur so kann in der dynamischen Wirtschaft von heute und morgen und im weltweiten Wettbewerb der "Wohlstand für alle" gesichert werden. Das ist die heute noch geltende zentrale Botschaft Ludwig Erhards.

Der Autor war Präsident der Deutschen Bundesbank. Er begann seine Karriere im damals von Ludwig Erhard geleiteten Bundes­wirtschaftsministerium. Seit dem Jahr 2000 ist er Kuratoriumsvorsitzender der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM).