Jean-Claude Trichet
Legendäre Glaubwürdigkeit
Von Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB)
Es kann wohl kaum ein anderer von sich behaupten, dass er so viele Jahre im Dienste Deutschlands und Europas stand wie Hans; und es findet sich wohl nur schwer jemand, der sich so viele Jahre um eine noch engere Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich bemüht hat. Ich persönlich habe eine Menge von Hans Tietmeyer gelernt. Es war ein ungeheures Privileg für mich, von der anderen Seite des Rheins aus über lange Zeit in sehr engem Kontakt zu Hans stehen zu dürfen, insbesondere zwischen 1987 und 1999. Während dieser 12 Jahre war er zunächst Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und ich Direktor des französischen Schatzamts, anschließend waren wir gleichzeitig Präsidenten unserer nationalen Zentralbanken.
Bedeutung seines anfänglichen Studiums der Theologie und der tiefe Glauben, den ihm seine Familie vermittelte, sind mirHans erklärte mir die begrifflichen und sozioökonomischen Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft, die nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend für die Förderung des wirtschaftlichen Wohlstands in Deutschland gewesen war. Die stets vor Augen.
Ich wiederum erklärte Hans, dass das Bild, das einige von Frankreich hatten, nämlich dass wir in geldpolitischen Angelegenheiten manchmal etwas locker seien, weder mit den kulturellen Wurzeln des Landes noch mit der geschichtlichen Realität übereinstimmt. Als Beispiel sei hier nur die hundert Jahre andauernde Stabilität des „Franc germinal“ im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwähnt. Und seit dem Zweiten Weltkrieg standen alle bedeutenden politischen Befindlichkeiten in Frankreich im Zusammenhang mit der Stabilität des Geldes, wofür symbolhaft zwei Persönlichkeiten stehen, nämlich General Charles de Gaulle einerseits und Pierre Mendès-France andererseits.
Hans Tietmeyer ist in Frankreich und den anderen Ländern Europas zum Inbegriff des deutschen Konzepts einer soliden Wirtschaftspolitik geworden. Aufgrund seines Strebens nach Stabilität hatte er sich schon lange vor seiner Ernennung zum Präsidenten der Bundesbank in ganz Europa einen Namen gemacht.
Hierzu möchte ich noch zwei kleine Anekdoten anführen. Der frühere französische Premierminister Raymond Barre fragte mich einmal, ob ich als Mitglied des Schatzamts häufig nach Brüssel reise, um meine europäischen Kollegen zu treffen. Als ich ihm entgegnete, dass ich in der Tat häufig in Brüssel sei, um mich mit meinen europäischen Kollegen auszutauschen, war seine unverzügliche Antwort: „Ach, dann kennen Sie sicherlich Herrn Tietmeyer – ein sehr einflussreicher Mann! Ich wünsche Ihnen bei Ihren Gesprächen mit ihm viel Glück. Er ist ein zäher Verhandlungspartner, der Herr Tietmeyer, ein harter Brocken!“ Das war das größte Kompliment, das Raymond Barre ihm machen konnte.
Einem weiteren französischen Premierminister, Edouard Balladur, boten sich zahlreiche Möglichkeiten, Hans’ herausragende berufliche Fähigkeiten zu erleben und zu sehen, mit welcher Hingabe er sich für die solide wirtschaftliche Integration Europas stark machte. Anlässlich einer Sitzung des Europäischen Rates sagte Balladur einmal: „Sie haben in Hans Tietmeyer einen bemerkenswerten Freund. Haben Sie übrigens auch bemerkt, dass er ein sehr interessantes Gesicht besitzt? Sieht er nicht gewissen Bildnissen von Martin Luther ähnlich?“ Ich erwiderte: „Das ist mir noch nie aufgefallen. Aber jetzt, wo Sie es ansprechen, ja, da könnte es einige Ähnlichkeiten geben. Dabei ist eine der wichtigsten Eigenschaften von Hans, einer der Schlüssel zum Verstehen seiner Person, die Tatsache, dass er gläubiger Katholik ist!“
Aus der Perspektive der Partner Deutschlands und insbesondere von der französischen Seite des Rheins aus gesehen erwies sich Hans Tietmeyer in all diesen Jahren als eindrucksvoller, starker und harter Verhandlungspartner. Darüber hinaus war er stets ein „Fels in der Brandung“: absolut vertrauenswürdig und verlässlich. Nachdem man bei einer Diskussion zu einem Schluss gekommen war – egal, wie hitzig die Gespräche gewesen waren –, blieb Hans stets bei dem Wort, das er einmal gegeben hatte. Seine Glaubwürdigkeit war legendär und suchte ihresgleichen.
Aus diesem Grund spielte er bei dem strategischen Wechsel der französischen Wirtschaftspolitik im Jahr 1983, der sich für wesentliche Fortschritte im Aufbau Europas als entscheidend herausstellen sollte, eine wichtige Rolle. Hans war eine zentrale Figur bei der Lösung der Schwierigkeiten, die im Wechselkursmechanismus (WKM) in den Jahren 1987 und 1988 auftraten. Und auch bei der Verteidigung des WKM, die im September 1992 angesichts der Krise im Zusammenhang mit dem Wechselkursmechanismus notwendig wurde, zeigte Hans sein volles Engagement. Ich erinnere mich noch ganz genau an diese recht dramatische Zeit und werde Hans für seine damalige Weitsicht und seinen Mut für immer dankbar sein.
Doch nicht nur auf nationaler und europäischer, sondern auch auf internationaler und globaler Ebene bewegte Hans viel. Er war ein großartiger Vorsitzender des Europäischen Währungsausschusses, ein hervorragender Vorsitzender der Zentralbankpräsidenten der Zehnergruppe und ein äußerst einflussreiches Mitglied
der G 7: So war Hans auf internationaler Ebene maßgeblich für das Zustandekommen des Forums für Finanzmarktstabilität verantwortlich, wobei die Lektionen, die man aus der Asienkrise gelernt hatte, mit einflossen. Deutschland ist Hans ganz sicherlich zu großem Dank verpflichtet. Auch Europa hat Hans Tietmeyer viel zu verdanken. Sein klares Denken, seine Klugheit, seine Strenge und seine Hingabe für die Verwirklichung einer Wirtschafts- und Währungsunion, die auf einem straffen konzeptionellen Fundament beruhen sollte, ermöglichten es uns, auf solidem Grund voranzuschreiten. Die EZB, deren Vorsitz ich von Wim Duisenberg übernehmen durfte, ist vollkommen unabhängig, der Preisstabilität verpflichtet und in den Augen Europas und der übrigen Welt glaubwürdig. Der Euro ist heute nach einer Zeit harter Arbeit ebenso glaubwürdig, wie es früher die glaubwürdigsten nationalen Währungen waren, an erster Stelle die Deutsche Mark und eine Reihe anderer Währungen, darunter der französische Franc.
Dies ist zu großen Teilen das Verdienst von Hans.
