Helmut Kohl
Ansprache zur Verleihung des Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband

Auszüge aus der Rede von Helmut Kohl zur Verleihung des Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband 1996
 

Von Helmut Kohl, Bundeskanzler a.D.

„Wer Hans Tietmeyer kennt verbindet mit seinem Namen eine Persönlichkeit, die durch ihre Lebenserfahrungen und von persönlichen Einstellungen, aber auch durch ständige Begegnung mit den unterschiedlichsten Menschen in der ganzen Welt geprägt ist. Wie auch ich gehören Sie der Generation unseres Landes an, die die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und die Aufbauphase nach Ende des Krieges in Deutschland in jungen Jahren miterlebt hat.

Das westfälische Elternhaus, die dörfliche Gemeinschaft, in der Sie aufwuchsen, haben Sie maßgeblich geprägt. Ich habe Sie als heimat- und familienverbundenen Menschen schätzen gelernt. Dabei sind Heimat und Familie durchaus keine altmodischen Begriffe.

Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit stehen für mich auch nicht im Gegensatz zu Verständnis und Offenheit für andere Länder und Menschen. Dafür sind gerade Sie, lieber Herr Tietmeyer, mit Ihrem weltweiten Engagement und dem Respekt, der Ihnen international entgegengebracht wird, bestes Beispiel.

Während Ihrer Amtszeit als Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen unterstützten Sie mich bei vielen Wirtschaftsgipfeln engagiert als Wegbereiter und Berater, als so genannter „Sherpa“. Dabei drückt der Begriff „Sherpa“, also Lastenträger, nur unzureichend aus, welch wichtige Rolle Sie spielten. In dieser Zeit legten wir gemeinsam viele tausend Kilometer zurück, besuchten unzählige internationale Veranstaltungen und saßen viele Tage und NächteHelmut Kohl und Hans Tietmeyer zusammen.

Die Teilnehmer der Gipfel wurden von Ihnen oft kritisch beobachtet, und ich kann mich gut daran erinnern, wie Sie stets die Nase rümpften, wenn ein Regierungschef einmal seine Papiere nicht gelesen hatte. Sie gaben immer zuverlässige Ratschläge, aber auch den einen oder anderen wichtigen Hinweis „zwischen den Zeilen", wie zum Beispiel: „Das Finanzministerium ist hier anderer Meinung als das Wirtschaftsministerium.“ So war Ihre Arbeit während aller Gespräche und Verhandlungen hilfreiche Unterstützung.

1990 berief ich Sie als persönlichen Beauftragten für die Verhandlungen mit der DDR über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Sie gestalteten durch diese Tätigkeit auf einem zentralen Gebiet die deutsche Einheit mit – und das nicht nur als Währungsexperte, sondern auch mit Begeisterung für die Wiedervereinigung unseres Landes. Die D-Mark
war für die Menschen in der früheren DDR ein greifbares Symbol für Freiheit, Wohlstand und soziale Sicherheit. Nicht zuletzt haben die Attraktivität der stabilen D-Mark und ihre rasche Einführung in der ehemaligen DDR den Prozess der Wiedervereinigung beschleunigt.

Während Ihrer beruflichen Tätigkeit waren Sie vor allem stets überzeugter und überzeugender Vertreter unserer freiheitlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Sie sind immer für die Soziale Marktwirtschaft im Sinne Ludwig Erhards eingetreten, das heißt für Wettbewerb und für sozialen Ausgleich. Wer Sie kennt, weiß, dass Ihre ordnungspolitische Grundsatztreue auf festen Wertvorstellungen gründet.