Heinz Riesenhuber
Er geht seinen Weg aus tiefer Überzeugung.

Von Heinz Riesenhuber

Hans Tietmeyer habe ich erstmals auf einer Ferienakademie des Cusanuswerks getroffen. Ich gehörte zum zweiten Jahrgang der Stipendiaten dieser von den deutschen Bischöfen ins Leben gerufenen Förderungseinrichtung für Hochbegabte. Wir waren ein kleiner Kreis, vielleicht 18 Leute. Hans Tietmeyer war für mich, den Studenten Mitte 20, eine Institution. Und so sind wir damals auch miteinander umgegangen – distanzierter als heute jedenfalls. Mich hat von Anfang an Tietmeyers handfeste Nüchternheit in der Diskussion beeindruckt. Vieles von dem, was ihn heute noch kennzeichnet, hatte er schon damals: die trockene westfälische Art oder seine Gabe, Sachverhalte in sehr kurzen Statements auf den Punkt zu bringen. Er spielte sich in Diskussionen nie in den Vordergrund, ließ sich nicht von der Leidenschaft hinreißen.

„Graue Eminenz“: Wir haben dann lange Jahre kaum Kontakt gehabt. Zu erneuten Begegnungen kam es 1976, als ich in den Bundestag kam. Damals war Hans Tietmeyer Abteilungsleiter im Bundeswirtschaftsministerium – er hatte den Ruf einer Kapazität auf seinem Feld, vonProfessor Heinz Riesenhuber „grauer Eminenz“ war die Rede. In welchem Geist Hans Tietmeyer seine Arbeit verstand, das zeigt vielleicht eine Episode von 1982. Hans Tietmeyer hatte mit Graf Lambsdorff ein Papier geschrieben, das als Wende-Papier in die Historie einging, weil diese Bestandsaufnahme den Bruch der sozial-liberalen Koalition zur Folge hatte. Als es zum Regierungswechsel kam, hatte Helmut Kohl mich in sein Kabinett eingeladen. In einer internen Besprechung hatten wir uns auch über die Staatssekretäre im neuen Kabinett ausgetauscht, und dabei war Tietmeyer als Staatssekretär im Finanzministerium genannt worden.

Begegnungen im Bundeshaus: Als ich ihm im Bundeshaus auf dem Gang begegnete, sagte ich eher beiläufig: „Es ist ja eine wunderbare Sache, dass wir uns nach so vielen Jahren im Kabinett wieder treffen.“ Tietmeyer schaute mich an und fragte: „Wieso denn das?“ Da merkte ich erst, dass ich mich verplaudert hatte. Er wusste ganz offensichtlich noch nichts von seiner neuen Aufgabe. Ich deutete an, dass er Staatssekretär werden solle. Er fragte mich: „Wieso? Wir haben doch einen Staatssekretär“ und meinte seinen direkten Vorgesetzten, den Staatssekretär Otto Schlecht im Bundeswirtschaftsministerium. Tietmeyer hatte überhaupt nicht daran gedacht, dass das „Wendepapier“, aus Überzeugung und hoher Kompetenz geschrieben, auch für seine Karriere etwas bedeuten könnte.

Das ist das, was mir an Hans Tietmeyer immer als eine besonders eindrucksvolle Charaktereigenschaft erschienen ist: Er gehört zu den in der Politik nicht sehr zahlreichen Protagonisten, die ihren Weg konsequent auf der Grundlage tiefer Überzeugungen gehen.

Tietmeyers wirtschaftspolitisches Credo ist bestimmt von der katholischen Soziallehre und von einem ordnungspolitischen Denk-Kanon. Letzteres gehört zum wenigen, über das ich mit ihm vielleicht in einen Disput hätte geraten können, als ich Forschungsminister war. Forschungspolitik und damit die staatliche Förderung von Innovation in der Wirtschaft hat Hans Tietmeyer, der die klassische Linie der Ordnungspolitik denkt, immer mit ein wenig Misstrauen beobachtet. Er folgte der Denkweise, die auch Otto Graf Lambsdorff hatte: dass nämlich der Staat sich nicht in die Märkte einmischen solle. Darüber habe ich mich gelegentlich mit Tietmeyer gestritten, gelegentlich auch mit dem Markt-Grafen. Denn oft haben neue Produkte und Verfahren, die manchmal sogar neue Märkte schaffen, Markteintrittsschwellen zu überwinden, und ich habe immer Wilhelm Röpkes Ansicht für richtig gehalten, dass hierbei der Staat auch helfen können muss. Zum Glück für unsere zwischenmenschliche Harmonie war Tietmeyer nicht Haushaltsstaatssekretär, sondern Sherpa des Bundeskanzlers und seiner Minister mit einer Vielzahl anders gelagerter Aufgaben. 1997, als der Bundesbankpräsident Tietmeyer sich mit Bundesfinanzminister Waigel über die Bewertung der Bundesbank-Goldreserven auseinander setzte, war ich wieder bei ihm: Hans Tietmeyer hat damals zu Recht die Unabhängigkeit der Bundesbank verteidigt.

Es war mir immer eine Freude zu beobachten, wie er in Krisensituationen Linien gezogen hat. Sicher haben wir es auch seinem Verhandlungsgeschick zu verdanken, dass der Euro ein so stabiles Korsett bekommen hat. Regelmäßig – etwa zwischen Weihnachten und Neujahr – treffen wir uns und diskutieren entspannt, wie es nur Menschen können, die sich sehr lange kennen, über Politik, Gott und die Welt.

Verwirrung in der Politik: Was uns derzeit beide herzlich ärgert, ist die öffentliche Verwirrung in der Politik. Hinter vorgehaltener Hand sagen viele, was nötig ist, um dieses Land nach vorn zu bringen. Die öffentlichen Äußerungen haben einen anderen Charakter. Die Unklarheit im politischen Diskurs wird verstärkt dadurch, dass uns die Wähler eine Koalition beschert haben, die keiner der Partner so gewollt hat. Beide Seiten bemühen sich, professionell mit diesem Zustand umzugehen – aber wir haben naturgemäß unterschiedliche Sichtweisen. In diesen Zeiten der gelegentlichen Verwirrung ist ein ordnungspolitischer Wegweiser wie Hans Tietmeyer wichtiger denn je. Deshalb engagiert er sich für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und in vielen anderen Aufgaben. Was er sagt und tut, entspricht der stetigen Linie seiner gesamten Lebensarbeit: Die Soziale Marktwirtschaft ist immer eines seiner zentralen Anliegen gewesen.

Und so wünsche ich ihm, dass er die Welt, die er über Jahrzehnte mit entschlossener Tat mitgestaltet hat, noch lange mit klugem Rat begleitet, aus ordnungspolitischer Vernunft und aus festem christlichen Glauben.

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Professor Heinz Riesenhuber, CDU, war von 1982 bis 1993 Bundesminister für Forschung und Technologie.