Der Euro - eine Zwischenbilanz nach acht Jahren
Beitrag zum 80. Geburtstag von Otto Graf Lambsdorff

In Deutschland und auch weltweit ist Otto Graf Lambsdorff als überzeugender Anwalt für die Marktwirtschaft sowie für eine rationale und zukunftsorientierte Wirtschafts- und Sozialpolitik bekannt. Vor allem in seinen politischen Funktionen als Bundestagsabgeordneter, als Bundesminister für Wirtschaft sowie als Parteivorsitzender hat er sich stets nachdrücklich für die Erhaltung und den Ausbau der Marktwirtschaft sowie für eine nachhaltig funktionsfähige und freiheitliche Gestaltung der Sozialordnung eingesetzt. Besonders bekannt und anerkannt ist auch sein Engagement für eine stabilitätsorientierte Geldordnung und Währungspolitik. Insbesondere die Deutsche Bundesbank konnte sich bei ihrer gelegentlich auch in deutschen politischen Kreisen umstrittenen Geldpolitik sowie der Abwehr von stabilitätsgefährdenden Wechselkursbindungen stets auf seine Unterstützung - auch in der Öffentlichkeit - verlassen. Aus der langen Vorgeschichte des Euro soll hier nur kurz an zwei Vorgänge erinnert werden: die Kontroverse zwischen Bundesregierung und Bundesbank im Jahre 1987 über das Ausmaß der Interventionsverpflichtungen im Europäischen Währungssystem (EWS)sowie die in den 90er Jahren anhaltende öffentliche Diskussion über die vor allem von der Bundesbank geforderte Einhaltung der Qualifikationskriterien des Maastricht-Vertrages für den Eintritt in die Währungsunion. In beiden Fällen hat er durch seine klare und hartnäckige Position wesentlich dazu beigetragen, dass sich letztlich eine stabilitätsgerechte Lösung weitgehend durchgesetzt hat, auch wenn er persönlich sich im April 1998 bei der Abstimmung im Bundestag zunächst noch der Stimme enthalten und die Begründung dafür eigens zu Protokoll gegeben hat. Das im Maastricht-Vertrag festgelegte Regelwerk für das Europäische Zentralbank-System sowie den darin vorgesehenen Übergang zum Euro hat Graf Lambsdorff jedoch stets eindeutig unterstützt. Er war nie ein Gegner, sondern im Gegenteil ein grundsätzlicher Befürworter der Europäischen Währungsunion - allerdings auf solider Grundlage. Und durch sein nachhaltiges öffentliches Eintreten dafür hat er entscheidend zur Schaffung der unerlässlichen Voraussetzungen und damit zum bisherigen Erfolg des Euro beigetragen.

Der Euro hat bekanntlich eine lange und sehr wechselvolle Vorgeschichte, deren wichtigste Stationen der Verfasser in seinem Buch Herausforderung Europa (Hanser-Verlag, München 2005) aufgezeigt und bewertet hat. Deswegen kann und soll hier auf die Darstellung und Analyse der mehr als dreißigjährigen Historie verzichtet werden. Währungsunion und Euro sind seit ihrem Beginn 1999 schon nahezu acht Jahre Realität. Nach einer solchen Erprobungszeit dürfte es eher angemessen sein, eine Zwischenbilanz über die bisherigen Ergebnisse und Erfahrungen zu erstellen.

Akzeptanz und Anerkennung des Euro als stabile Währung

Entgegen vielen Befürchtungen und Prophezeiungen wurde der Euro schon früh sowohl in Europa als auch weltweit als stabile Währung anerkannt. Das gilt nicht nur für große Teile der nationalen und internationalen Märkte, die den Euro schon seit Anfang 1999 parallel zu den nationalen Währungen nutzen konnten. Auch die Bevölkerung, für die der Euro erst Anfang 2002 mit der Einführung der Euro-Banknoten und -Münzen konkret fassbare Realität wurde, hat die neue Währung in allen Teilnehmerländern ohne größeres Zögern akzeptiert und inzwischen auch ihre Stabilität schätzen gelernt. Wohl hat gerade auch in Deutschland die sog. Teuro-Diskussion, die sich zunächst insbesondere auf die missbräuchliche Nutzung der Währungsumstellung für übermäßige Preisanhebungen bezog, zeitweise negative Reaktionen in der Bevölkerung ausgelöst. Nähere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass es - neben offenkundigen Missbräuchen vor allem in der Anfangszeit - auch Unterschiede zwischen der vom Kunden„ gefühlten" und der„ statistisch gemessenen“ Inflation gab und teilweise bis heute noch gibt, wobei die „gefühlten" Inflationsraten zumeist die „statistisch - erfassbaren" erheblich übersteigen. Diese - vor allem unmittelbar nach dem Noten- und Münzentausch - negativen emotionalen Reaktionen sind jedoch in der deutschen Bevölkerung inzwischen weitgehend abgeklungen. Der Euro wird heute in Deutschland ebenso wie in den anderen Teilnehmerländern von der überwiegenden Mehrheit nicht nur wegen der praktischen Vorteile im grenzüberschreitenden Reiseverkehr sowie im Waren- und Leistungskauf, sondern auch als relativ stabile Währung geschätzt. Gemessen an den statistisch erfassten Werten kann der Euro in den ersten acht Jahren mit Durchschnittswerten von geringfügig über 2 % sogar ein leicht besseres Ergebnis aufweisen als die D-Mark in den drei Dekaden zuvor, in denen die Inflationsrate in Deutschland im Durchschnitt leicht über 3 % lag. Vor allem in den ersten Jahren divergierten allerdings die Inflationsraten zwischen den Teilnehmerländern teilweise recht deutlich. Inzwischen hat sich diese Divergenz zwar verringert, die unterschiedlichen Preisentwicklungen sind jedoch noch immer ein nicht zu unterschätzendes Konfliktpotential für die gemeinsame Geldpolitik.

Auch international ist der Euro heute weitgehend als stabile Währung anerkannt, wie die Entwicklung seines Außenwertes deutlich zeigt. Wohl hatte der effektive Wechselkurs des Euro in den ersten Jahren nach seiner Einführung sowohl nominal als auch real zunächst nachgegeben. Seit 2002 ist er jedoch wieder nachhaltig angestiegen und hat inzwischen seinen Anfangskurs - insbesondere auch gegenüber dem Dollar - deutlich überstiegen. Er hat damit auch international die frühere Rolle der D-Mark übernommen und ausgebaut. Der Euro ist heute weltweit eindeutig als zweitgrößte Währung anerkannt und gilt dabei auch als Alternativwährung zum Dollar, eine Rolle, die neben offenkundigen Vorteilen allerdings - bei übersteigerter Bewertung - gelegentlich auch Wettbewerbsprobleme für die Wirtschaft im Euro-Gebiet bringen kann. Die aus einer Überbewertung entstehenden Probleme sind jedoch im größeren Euro-Gebiet leichter zu ertragen als in den früheren nationalen
Währungsgebieten.

Klare Stabilitätsorientierung und politische Unabhängigkeit der EZB

Die Europäische Zentralbank konnte zwar - nicht zuletzt auch wegen der zeitweise extraordinären Preisentwicklungen an den Weltmärkten für Energie und Rohstoffe - ihr eigenes Stabilitätsziel - eine Verbraucherpreisentwicklung von unter 2% - bisher nicht voll erreichen. Im weltweiten Vergleich lagen die Inflationsraten für die Verbraucherpreise im Euro-Gebiet jedoch bisher stets im unteren Bereich. Und was mindestens ebenso wichtig ist: auch die Statistiken über die an den Märkten vorherrschenden Inflationserwartungen haben bisher stets insgesamt relativ niedrige Werte ausgewiesen. Trotz der teilweise divergierenden Traditionen der beteiligten nationalen Zentralbanken und auch der problematischen politischen Kontroversen bei der Berufung des ersten Präsidenten im Frühjahr 1998 ist es der EZB offenbar schon relativ früh gelungen, sowohl in den Euro-Ländern selbst als auch weltweit ein hohes Maß an stabilitätspolitischer Anerkennung zu gewinnen. Das zunächst vielfach kritisierte sog. Zwei-Säulen-Konzept (Orientierung an den allgemeinen Wirtschaftsdaten sowie den besonderen monetären Daten) findet inzwischen auch unter den früheren wissenschaftlichen und publizistischen Kritikern mehr Zustimmung. Dabei wird zunehmend auch anerkannt, dass die EZB durch ihre Politik nicht nur zu den bisherigen positiven Stabilitätsergebnissen, sondern vor allem auch zur weitgehenden Verankerung der Stabilitätserwartungen entscheidend beigetragen hat.

Die inzwischen aufgebaute Stabilitätsreputation der EZB basiert dabei zugleich auch auf ihrer schon mehrfach bewiesenen Unabhängigkeit von der Politik, insbesondere von Einflüssen seitens der Regierungen und Parlamente. Wohl gab es und gibt es gelegentlich immer wieder Versuche von - insbesondere indirekten - politischen Einflussnahmen. Die bisherigen Amtsinhaber in der EZB haben sich derartigen Versuchen jedoch stets eindeutig widersetzt - ein Ergebnis, das gerade auch in Anbetracht der unterschiedlichen nationalen "Traditionen für die Reputation der neuen Institution besonders wichtig war und ist.

Positive Handelseffekte und verschärfter Standortwettbewerb

Erwartungsgemäß hat der Übergang zum Euro neben dem Wegfall früherer Wechselkursrisiken und Transaktionskosten auch die Kosten- und Preistransparenz zwischen den Mitgliedsländern erheblich verbessert. Sowohl der Waren- als auch der Dienstleistungsverkehr haben davon im gesamten Euro-Gebiet beträchtlich profitiert, wenngleich sich neben den positiven Effekten durch den Wegfall von früher üblichen Abwertungen ( z.B. der Lira) in einzelnen Ländern wegen nicht genügend angepasster Kostenentwicklungen partiell auch nachteilige Wirkungen gezeigt haben und noch zeigen. Insgesamt kommen die bisher vorliegenden Schätzungen über die Handel schaffenden Effekte zwar zu quantitativ unterschiedlichen, überwiegend jedoch deutlich positiven Werten. Allein für Deutschland hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in seinen Jahresgutachten 2006 einen Handelszuwachs durch die Euro-Einführung von fast 18% geschätzt.

Neben diesen insgesamt zweifellos positiven Handelseffekten darf allerdings andererseits auch der durch die Währungsunion verschärfte Standortwettbewerb nicht unterschätzt werden. So hat z.B. der Übergang zum Euro und zur gemeinsamen Geldpolitik für die deutsche Wirtschaft neben den Handel schaffenden Effekten auch den Wegfall früherer D-Mark-Privilegien gebracht. Nicht nur das Zinsniveau ist heute im gesamten Euro-Gebiet weitgehend gleich; auch sind zur Absicherung von Währungsrisiken spezielle Investitionen in Deutschland nicht mehr notwendig. Die Zins- und Währungsrisiken sind heute nämlich - anders als zuvor - in allen Euro-Ländern gleich. Diese weitgehende Egalisierung der Zins- und Währungsbedingungen hat anderen Faktoren wie Arbeitskosten, Steuern sowie gesetzlichen Vorschriften und bürokratischem Aufwand bei der Auswahl des Standortes für wirtschaftliche Aktivitäten ein relativ höheres Gewicht gegeben als zuvor. Insbesondere für den Standort Deutschland war und ist dies auch weiterhin eine nicht zu unterschätzende neue politische Herausforderung.

Zunehmende, aber unterschiedlich intensive Integration der Finanzmärkte

Insbesondere der Anfang 1999 erfolgte Übergang zu einer gemeinsamen Geldpolitik sowie die Einführung des gemeinschaftlichen Zahlungsverkehrssystem Target haben die europäischen Finanzmärkte in wichtigen Segmenten schon früh breiter und liquider gemacht. Vor allem die Geld- und Rentenmärkte sind dabei zunehmend zusammengewachsen. So liegt die Standardabweichung an den Geldmärkten im Euro-Länder-Vergleich heute bei etwa einem Basispunkt, während sie vor der Währungsunion nahezu 100 Basispunkte ausmachte. Eine deutlich integrative Wirkung zeigt sich auch an den Anleihemärkten. Vor allem Staatsanleihen, aber zunehmend auch Unternehmensanleihen haben sich im Euro-Gebiet in ihren Renditen weitgehend angenähert. Deutlich schwächer ist dieser Prozess bisher allerdings an den Aktienmärkten im Euro-Bereich zu spüren, wo offenkundig noch immer Heimatlandpräferenzen eine wichtige Rolle spielen.

Erstaunlich langsam hat sich der Integrationsprozess bisher jedoch im Bankenbereich selbst vollzogen. Wohl haben die grenzüberschreitenden Käufe und Verkäufe von Anleihen und Sicherheiten der Finanzinstitute im Euro-Bereich untereinander generell von 16% (1997) auf nunmehr über 40% zugenommen. Vor allem im Privatkunden- und Mengengeschäft der Banken ist der Integrationsprozess jedoch bisher noch relativ wenig fortgeschritten. Die Konsolidierung im Bankensektor vollzog sich bis heute vor allem auf den Heimatmärkten oder durch Ausweitung von Beteiligungen und Kooperationen außerhalb des Euro-Gebietes. Im Euro-Gebiet selbst besteht hier ganz offensichtlich noch ein deutlicher Nachholbedarf, der neben einem Abbau von nationalen Präferenzen vor allem auch offenere nationale Strukturen sowie eine größere internationale Offenheit einzelner nationaler Aufsichtsbehörden voraussetzen dürfte. Offenkundige Harmonisierungsdefizite bestehen wohl auch noch bei vielen nationalen Rechtsvorschriften und ihrer Anwendung. Die EZB hat jüngst in einen Bericht zu recht erhebliche Defizite bei der Integration des Bankensektors in der Euro-Zone festgestellt und ihn als noch zu „fragmentiert" bezeichnet.

Offenkundige Mängel in der Fiskaldisziplin der Mitgliedstaaten

Zu recht sind die bereits im Maastricht-Vertrag enthaltenen Grundregeln für die Einhaltung der Fiskaldisziplin insbesondere durch die an der Endstufe der Währungsunion beteiligten Mitgliedstaaten 1997 durch den sog. Stabilitäts- und Wachstumspakt ergänzt und konkretisiert worden. Schon ein Blick in die Historie zeigt, dass selbst nationale Währungen meist am stärksten durch Mängel in der Fiskaldisziplin der jeweiligen Staaten gefährdet worden sind. Dieses Risiko ist heute noch deutlich größer, weil die Anteile des Fiskus am Sozialprodukt heute überall viel größer sind als früher. In einer Währungsunion mit ansonsten weitgehender Beibehaltung der nationalen Souveränität sind die hier liegenden Risiken besonders deswegen groß, weil sich die negativen Konsequenzen eines fiskalischen Fehlverhaltens einzelner Staaten nicht mehr - wie im Falle der nationalen Währung - in einer entsprechenden Zins- und Wechselkursentwicklung der eigenen Währung niederschlagen. Etwaige negative Effekte im Zins- und Wechselkursbereich betreffen in einer solchen Währungsunion letztlich alle beteiligten Länder und Volkswirtschaften, weswegen hier auch ein gefährliches Moral-Hazard- Problem entstehen kann.

Die deswegen vor dem endgültigen Eintritt in die Währungsunion von allen
Teilnehmerländern übernommenen gemeinsamen Regeln für die nationale Fiskaldisziplin sind jedoch bisher von einer Reihe von Mitgliedsländern - nicht zuletzt auch von Deutschland selbst - nur teilweise und unvollständig eingehalten worden. Die schon früh von Graff Lambsdorff diesbezüglich geäußerte Sorge hat sich leider als begründet erwiesen. Entgegen dem ursprünglich vereinbarten Regelwerk sowie abweichend von den oft wiederholten Korrekturversprechen kam es bisher zu einer Reihe von schwerwiegenden Verstößen, die inzwischen - neben einer Verbesserung einzelner Verfahrensvorschriften - auch zu einer gewissen Aufweichung der ursprünglichen Regeln des ursprünglichen Paktes und insbesondere der Sanktionsverfahren geführt haben. Wohl haben sich die kurzfristigen Aussichten für eine Einhaltung der zentralen Defizitbegrenzungsregel durch das größte Teilnehmerland Deutschland und einige andere Mitgliedsländer inzwischen verbessert. Doch gibt es bisher noch keine hinreichende Sicherheit dafür, dass die Verpflichtung zur nachhaltigen Fiskaldisziplin künftig tatsächlich von allen beteiligten Ländern angemessen realisiert werden wird. Kommt es jedoch in den nächsten Jahren - und zwar insbesondere in den größeren Teilnehmerländern - nicht tatsächlich zu einer wirklich nachhaltigen Korrektur der öffentlichen Finanzen, könnte sich an dieser Stelle ein erhebliches Gefährdungspotential für die weitere Stabilität des Euro und den weiteren internen Zusammenhalt der Währungsunion aufbauen. Eine nicht genügende Rückführung der größtenteils strukturell bedingten und damit auf weitere Eskalation angelegten öffentlichen Budgetdefizite könnte sowohl den nachhaltigen Wachstumsprozess der betroffenen Länder gefährden als auch erhebliche Konflikte mit der Geldpolitik der EZB auslösen. Gelegentlich deuten schon jetzt verbale Attacken aus Kreisen der nationalen Politiken auf das sich hier aufbauende Konflikt- und Risikopotential hin.

Aufdeckung und Verschärfung von Wettbewerbs- und Strukturproblemen

Hinter den nicht zu unterschätzenden fiskalischen Konfliktpotentialen verbergen sich in den meisten Euro-Ländern auch erheblich, in den letzten Jahren zunehmend deutlicher und schärfer gewordene, bisher jedoch noch nicht hinreichend angegangene Wettbewerbs- und Strukturprobleme. Insbesondere der technologische Fortschritt, die fortschreitende Globalisierung, die Öffnung der Ostgrenzen sowie der Wegfall früherer Währungsgrenzen im Euro-Gebiet haben viele, z. T. schon seit längerem in den betroffenen Ländern aufgelaufene Wettbewerbsschwächen offen gelegt und vergrößert. Infolge der Verzögerung von hinreichenden und zukunftsorientierten Reformschritten sind inzwischen insbesondere mehrere größere Euro-Länder in nicht unerhebliche Wachstums- und Beschäftigungsprobleme mit entsprechenden Folgen für die Finanzierung ihrer Sozialsysteme hineingeraten. Die weltweite Wachstumsdynamik der letzten Jahre hat sich im Euro-Gebiet zwar in einem steigenden Außenhandel niedergeschlagen. Die Multiplikatoreffekte für die binnenwirtschaftliche Entwicklung im Euro-Gebiet selbst war jedoch längere Zeit relativ begrenzt. Erst in jüngster Zeit ist auch ein stärkeres Wachstum im gesamten Euro-Gebiet selbst zu beobachten.

Diese lange verzögerte konjunkturelle Belebung darf jedoch nicht über die noch immer nicht hinreichend gelösten Strukturprobleme im Euro-Gebiet hinwegtäuschen. Insbesondere in den großen kontinental-europäischen Ländern sind noch erhebliche strukturpolitische Anstrengungen notwendig, um die öffentlichen Haushalte nachhaltig zu sanieren sowie die Steuersysteme wettbewerbsfähiger, die Sozialsysteme leistungsfähiger und die Arbeitsmärkte flexibler zu machen. Ohne überzeugende Fortschritte könnten die wirtschaftlichen und politischen Spannungen innerhalb des Euro-Raumes und auch im Außenverhältnis in den nächsten Jahren noch erheblich wachsen. Dabei könnte gerade auch die in den letzten Jahren teilweise recht unterschiedliche Entwicklung der Arbeitskosten eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Während sich z. B. in Deutschland die Lohnkosten zuletzt eher verringert haben, sind sie zur gleichen Zeit in Spanien und Italien deutlich weiter gestiegen. Anders als vor der Währungsunion können jetzt jedoch nachhaltige Divergenzen in der Kostenentwicklung nicht mehr wie früher untereinander durch Ab- und Aufwertungen der nationalen Währungen kompensiert werden. Sie müssen vielmehr durch nachhaltige Reformpolitiken und Korrekturen in den betroffenen Ländern selbst überwunden werden.

Zwischenbilanz mit positiven Ergebnissen und wichtigen Herausforderungen

Diese kurze Zwischenbilanz nach acht Jahren Wirtschafts- und Währungsunion fällt zwar überwiegend positiv aus. Der Euro ist heute eine stabile und weltweit anerkannte Währung, und die EZB gilt als eindeutig stabilitätsorientierte und politisch unabhängige Zentralbank. Die bisherigen Handelseffekte sind insgesamt positiv; und die Integration der Finanzmärkte hat teilweise bereits große Fortschritte gemacht. Zugleich sind jedoch im Bereich der Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie im Verhalten der Tarifpartner nach Eintritt in die Währungsunion auch nicht unerhebliche und sogar noch wachsende Spannungen zwischen den Mitgliedsländern entstanden. Vor allem haben sich in wachsendem Maße erhebliche strukturelle Defizite bei der Fiskaldisziplin der öffentlichen Haushalte sowie der gerade in
einer Währungsunion besonders erforderlichen Flexibilität der Arbeitsmärkte gezeigt.

Die insbesondere im Vorfeld des Eintrittes in die dritte Stufe vielfach beschworene Katalysator-Funktion der Währungsunion in Richtung einer Weiterentwicklung der Wirtschaftsunion zu einem gemeinsamen Wirtschaftsraum mit hinreichend koordinierten nationalen Politiken und zu einer effizienteren politisch-institutionellen Struktur der EU hat bisher jedoch noch keine überzeugenden und weiterführenden Erfolge ausgelöst. Die EU-Kommission ist zwar offenkundig bemüht die nationalen Märkte weiter zu öffnen und die nationalen Politiken - unter Beachtung des Prinzips der Subsidiarität - möglichst weitgehend zu koordinieren. Die dabei oft nur mühsam erreichten Kompromisse haben sich jedoch nicht selten als nur verbal und an der Alltagsrealität vorbeigehend erwiesen. Insbesondere die bisherigen Misserfolge der sog. Lissabon-Agenda 2000 sind dafür ein deutliches Beispiel. So richtig die wachstums- und modernisierungspolitische Grundorientierung dieser Agenda war und ist, ihre konkreten Ziele und Forderungen gingen bisher weitgehend an der politischen Realität der meisten Mitgliedstaaten vorbei. Hier hat sich erneut gezeigt: Großartige gemeinsame Erklärungen bewirken allein ebenso wenig eine neue Wachstums- und Beschäftigungsdynamik in der EU wie die oft sehr umfangreichen und detaillierten Richtlinientexte der Fachministerräte. Notwendig ist vor allem eine nachhaltige Orientierung der nationalen Wirtschafts- und Sozialpolitiken hin auf mehr Freiraum für Wachstum und Beschäftigung. Gemeinschaftliche Kompromissformulierungen in Form von mehr Kommuniques, Richtlinien und Vorschriften helfen da im Regelfall kaum weiter. Im Gegenteil. In vielen Bereichen hilft nachhaltig nur ein effizienter Wettbewerb der nationalen Politiken. Ein regelmäßiges öffentliches Ranking anhand von objektiv erfassten Daten könnte dabei in bestimmten Politikbereichen durchaus nützlich sein.

Darüber hinaus sind aber auch neue Bemühungen um eine sinnvolle politischinstitutionelle Weiterentwicklung auf Gemeinschaftsebene notwendig. Eine einfache Neueinbringung des in Frankreich und den Niederlanden abgelehnten sog. Verfassungsvertrages in verkürzter Form und unter einem anderen Titel dürfte dabei allein jedoch kaum ausreichen. So nützlich und notwendig die meisten der dort vorgesehenen Verbesserungen auch sein können. Sie werden in ihrer bisherigen Form weder die politisch-institutionelle Struktur der gesamten EU hinreichend verbessern noch für die Überwindung der Defizite bei der Realisierung angemessener nationaler Politiken im Euro-Raum besonders hilfreich sein.

Die EU hat inzwischen eine so weit reichende regionale Größe und eine so große Vielfalt der nationalstaatlichen Prioritäten. dass das vielzitierte Monnet-Prinzip der Orientierung am Ziel der immer fortschreitenden Integration immer dringlicher auch eine Konkretisierung der gemeinsamen Zielvorstellungen und letztlich der vertraglichen Vereinbarungen und Strukturen erfordert. Schon seit einiger Zeit gehen die Zielvorstellungen zwischen den Mitgliedsländern über den weiteren gemeinsamen Weg und die dafür notwendigen Strukturen erkennbar auseinander. Ohne eine weiterreichende und zugleich weiterführende Klärung der Integrationsziele und -strukturen könnte - insbesondere bei einer immer weiter fortschreitenden Erweiterung der Mitgliedschaft - das bisherige Einigungswerk durch die unterschiedlichen Zielvorstellungen der Mitgliedstaaten zunehmend in Schwierigkeiten geraten und zugleich jede Weiterentwicklung gefährden. Vor einer weitergehenden Klärung über die gemeinsamen Ziele und die dafür notwendigen Strukturen sollte man deswegen mit weiteren Mitgliedschaften sowohl der EU als auch der WWU vorsichtig sein. Das gilt natürlich insbesondere für die Erweiterung der EU insgesamt, aber auch für die Vergrößerung der Mitgliedschaft in der WWU. Eine weitere Aufnahme der bisherigen EU-Staaten zur WWU ist dabei nur so lange relativ unproblematisch, wie diese Länder tatsächlich die erforderlichen Eintrittskriterien ohne Abstriche erfüllen und eine zugleich hinreichende Garantie für die künftige Einhaltung aller geltenden Regeln bieten. Im Zweifelsfall sollte deshalb das Prinzip Vorsicht gelten. Zugleich müssen die bisherigen WWU-Länder aber auch selbst mehr als bisher dafür Gewähr bieten, dass sowohl die bereits erkennbaren als auch die z. T. noch verdeckten Spannungen im bisherigen Euro-Gebiet nachhaltig reduziert und das vereinbarte Regelwerk tatsächlich auch vollständig angewandt wird.

Diese Zwischenbilanz nach acht Jahren macht deutlich: Bei allen erreichten Fortschritten bleibt für den nachhaltigen Erfolg des Euro sowohl in einer Reihe von bisherigen und künftigen Teilnehmerländern als auch auf der Gemeinschaftsebene noch viel zu tun. Der Euro ist und bleibt kein Ruhekissen. Er ist vielmehr eine bleibende Herausforderung für alle Beteiligten, wie Otto Graf Lambsdorff schon früh immer wieder betont hat.

Der frühere Bundesbankpräsident Professor Dr. Hans Tietmeyer engagiert sich heute als Kuratoriumsvorsitzender der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) für marktwirtschaftliche Erneuerung in Deutschland.